Lev Grossman – The Magicians

Die nächste Generation von Schrifstellern, die versuchen auf den Harry Potter Zug aufzuspringen, haben sich etwas ausgedacht. Lev Grossman gehört dazu. Ähnlichkeiten mit dem allseits beliebten Zauberlehrling sind nicht abzustreiten, aber in The Magicians erwartet einen ein (mehr oder weniger) erwachsener, oft trübseliger Protagonist aus dem 21. Jahrhunderts. Es wird geflucht, es gibt Sex und Drogen und iPods. Hätte die Geschichte einen schöneren, roten Faden, hätte dies ein wahres Highlight werden können.
Schreibstil und Plot stehen sich hier aber teilweise im Weg.

Deutscher Titel: Fillory – Die Zauberer
Erschienen: 2009 (2010)
Seiten: 416 (617)
Übersetzerin: Stefanie Schäfer
Erschienen bei: Viking, Fischer

Meine Bewertung: 6/10

Erster Satz:Quentin did a magic trick. Nobody noticed.

Quenin Coldwater ist 17, hochbegabt und vom Leben frustriert. Sein letztes Highschooljahr in Brooklyn ist beinahe vorbei, doch statt einem Bürojob träumt Quentin davon, in die magische Welt seiner Kindheit, Fillory, einzutauchen. Die Kinderbuchreihe um die Chatwin Geschwister hat Quentin nie ganz überwunde

n. Darin betreten die Geschwister – nach feinster Narnia-Manier – durch einen Schrank, eine dunkle Gasse, eine Standuhr, das magische Reich Fillory, in dem sie Abenteuer erleben und die Welt von bösen Hexen befreien.

Als Quentin dann auf mysteriöse Art und Weise durch einen kleinen Park in New York wandert und auf der Brakebills Univsersität landet, gibt er zwar seine Träume von Fillory nicht auf, aber immerhin kann er hier ein Studium zum Zauberer abschließen. So Harry Potter, so gut.

Der Vorwurf, dass die Idee sehr an eine von uns allen geliebte 7-teilige Buchreihe erinnert, ist zwar naheliegend, aber nicht wirklich nötig. Denn während Quentin eine Zauberschule besucht, auf der es auch eine magische Sportart gibt, ist das auch schon die größte Gemeinsamkeit mit Harry Potter. Dieses Buch ist erwachsener, weniger fröhlich und fast durchgehend düster und melancholisch. Lev Grossman nimmt die Ähnlichkeiten sogar so gelassen, dass er seine Charaktere immer wieder Kommentare einwerfen lässt wie “Wo ist mein Quidditch Besen?” Quentin freundet sich mit einer Gruppe Kommilitonen an und diese Freundschaft führt zu vielen lustigen Momenten und Szenen. Der Ton des Romans ist aber insgesamt sehr dunkel. Die Clique betrinkt sich fast täglich und ergibt sich – zumindest ab Ende des Studiums – in Drogenexzesse und Orgien. Zumindest darf fast jeder mal mit jedem.
Der Sex und die Tatsache, dass junge Leute nun mal gerne trinken, wenn sie feiern, haben die Charaktere sehr viel glaubhafter gemacht. Lev Grossman hat ein wahnsinniges Talent dafür, einen Charakter in nur wenigen Sätzen lebendig werden zu lassen und ihre Gefühle – vor allem Schuld, Reue, Frustration – zu schildern. Gegen Ende hin jedoch wirkte vor allem der exzessiv konsummierte Alkohol schon etwas gewollt und verkrampft.

Der Schreibstil an sich ist sehr flüssig und bildhaft. Das ist auch der Grund, warum ich diesen Autor im Auge behalten werde. Quentins Gefühle – vor allem die negativen – waren so klar und greifbar beschrieben, dass einem beim Lesen selbst etwas unwohl wird, dass man sich mit ihm schämt und mit ihm Dummheiten begehen würde. Die Entwicklung, die er und seine Freunde bis zum Ende des Buches durchmachen, ist glaubhaft und spannend zu lesen.

Nun zu den negativen Aspekten:

Die Handlung – obwohl in vier Teile unterteilt – liest sich wie zwei getrennte Geschichten. Die erste Hälfte findet fast ausschließlich auf der Brakebills Universität statt und beschäftigt sich mit dem Studium und der Einführung der Charaktere und deren Beziehungen zueinander. Erst ab der Hälfte des Romans beginnt der eigentliche rote Faden, sich zu zeigen. Dieser Zwiespalt hat beim Lesen (zumindest mich) extrem gestört. Es wirkte fast so, als könne sich Lev Grossman nicht entscheiden, welche Geschichte er erzählen will, und ich hatte auch das Gefühl, dass er sich beim zweiten Teil wesentlich weniger Mühe gegeben hat als am Anfang. Denn von der Hälfte bis zum Ende wird Quentins Geschichte immer langweiliger und es dauert sehr lange, bis etwas Angekündigtes endlich passiert. Die letzten paar Seiten haben an Spannung wieder aufgeholt und der Höhepunkt – die Auflösung des großen Mysteriums – war für mich als Leser sehr befriedigend.

Gestört hat außerdem, dass dem Autor – und dem Lektor – einige Fehler unterlaufen bzw. entgangen sind. So wechselt etwa die Haarfarbe der anfangs blonden, mauerblümchenartigen Alice in “dunkles Haar” ohne Erklärung. Und ohne Hinweis, dass sie es eventuell gefärbt haben könnte. Auch ihren Körperbau konnte ich mir nach verschiedensten Beschreibungen nicht mehr vorstellen. Erst heißt es, sie sei fragil und dünn, dann spricht Quentin von ihren “schweren Brüsten” und von einem Kleid, dass sie sich “mit ihrer Figur” nicht leisten könne… Dasselbe passiert mit einem rothaarigen Mädchen, das bei ihrem zweiten Auftauchen in der Geschichte plötzlich blonde Locken hat.
Sicher, für die Geschichte selbst ist das nicht von Bedeutung, aber wenn mir so etwas schon beim durchschnittlich aufmerksamen Lesen auffällt, dann sollte ein Lektor das auch bemerken.

Insgesamt hätte ich mir mehr Magie und mehr Regeln für diese erhofft. Das Buch liest sich stark nach der Einführung in eine Welt, die wir erst in Band 2 – The Magician King – genauer erkunden dürfen. Und genau das werde ich auch tun.

PRO: Charaktere machen eine sichtbare Entwicklung durch. Sehr atmosphärisch, erwachsene Version von Teenager-Zauberern. Flüssiger Schreibstil.
CON: Plot sackt ab der Mitte ab, der rote Faden ist nicht immer vorhanden. Deprimirende Stimmung. Regeln der Magie unklar definiert.
FAZIT: Überzeugende Teenager, großartiger Schreibstil. Empfehlenswerte für alle, die nicht zu sehr an Harry Potter hängen und denen depressive Charaktere nichts ausmachen.

Bewertung: 6/10

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