Julian Barnes – The Sense of an Ending

Seine Auszeichnung mit dem Man Booker Prize 2011 hat dieses stille, dünne Buch ohne Frage verdient. Julian Barnes erzählt ruhig von trügerischen Erinnerungen und einer Vergangenheit, die einen auch im hohen Alter noch einholen kann.

Deutscher Titel: Vom Ende einer Geschichte
Erschienen: 2011
Seiten: 150 (192)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
Erschienen bei: Jonathan Cape (Kiepenheuer & Witsch)

Meine Bewertung: 8/10

Erster Satz: I remember in no particular order:
– a shiny, inner wrist;
– steam rising from a wet sink as a hot frying pan is laughingly tossed in it;
– gouts of sperm circling a plughole, before being sluiced down the full length of a tall house;
– a river, rushing nonsensically upstream, its wave and wash lit by half a dozen chasing torchbeams;
– another river, broad and grey, the direction of its flow disguised by a stiff wind exciting the surface;
– bathwater long gone cold behind a locked door.
This isn’t something I actually saw, but what you end up remembering isn’t always the same as what you have witnessed.

So beginnt Julian Barnes die Geschichte von Tony Webster, der als älterer Mann auf sein Leben zurückblickt. Genauer gesagt beschäftigt er sich mit einer ganz speziellen Geschichte seines Lebens, die in der Schulzeit ihren Anfang hatte. Tony und seine beiden engsten Freunde nehmen den neuen Schüler Adrian Finn in ihren Kreis auf. Zusammen diskutieren sie über Gott und die Welt, lesen die großen Philosophen und versuchen sich mit cleveren Kommentaren und Gedanken darüber was Geschichte ist zu übertreffen und ihre Lehrer zu beeindrucken. Adrian sticht dabei als außergewöhnlich intelligent heraus. Man kann nie ganz sicher sein, ob seine Einwürfe ernst gemeint sind oder ob er sich über einen lustig macht.
Tonys Leben nimmt seinen Lauf, die Freunde verlieren sich aus den Augen und jeder geht seinen eigenen Weg. Bis der alte Tony einen Brief von einem Anwalt erhält, in dem ihn unerwartet eine Erbschaft trifft. Nun muss er sich wieder mit den Geschehnissen seiner Jugend auseinander setzen und merkt, dass die Erinnerung nicht immer so zuverlässig ist wie man denkt…

Obwohl nur 150 Seiten dünn, bewegt Julian Barnes’ Buch beim Lesen ungemein. Es ist vor allem seine Fähigkeit, Sprache lebendig werden zu lassen, für jede Szene, jeden Dialog, die perfekten Worte zu finden und diese zu einem musikalischen Werk zu verweben, die mich überzeugt hat. Barnes hätte genausogut eine langweilige Geschichte erzählen können – in diesem Stil hätte ich sie kein bisschen weniger genossen.
Zum Glück und zur Freude der Leser ist Tony Websters Kampf mit den Erinnerungen und der Wahrheit aber höchst spannend zu verfolgen. Kann man sich je sicher sein, dass man Geschehnisse richtig im Gedächntnis behält? Oder die richtigen Details? Oder trügt einen das eigene Gehirn um unangenehme Dinge zu vergessen oder durch völlig andere Erinnerungen zu ersetzen?

Ich möchte hier nichts mehr zum Plot sagen, nur dass dieser für so ein leises Buch sehr spannend wird. Das Ende hält eine Überraschung bereit, die mich – ebenso wie Tony selbst – schockiert hat. We just didn’t get it!
Die wenigen Charaktere führen ein Eigenleben und sind gleichermaßen sympathisch wie unsympathisch. Schwarz-Weiß ist in diesem Buch niemand und besonders Menschen wie Veronica schienen mir so real, dass mir spontan Menschen aus meinem Bekanntenkreis eingefallen sind. Tony ist als Ich-Erzähler gleich sympathisch, auch wenn er sich hauptsächlich durch seine Passivität auszeichnet und von großen Taten nur träumt.

Jeder, der schöne Sprache zu schätzen weiß und der ein kurzes, kurzweiliges Buch lesen möchte, dass zum Nachdenken anregt, sollte hier zugreifen. Jetzt gleich!

PRO: Ein sprachliches Meisterwerk, interessanter Plot, lebendige Charaktere und anregende Ideen.
CON: Zur deutschen Übersetzung kann ich (noch) nichts sagen. Hier könnte aber viel verloren gehen.
FAZIT: Absolut lesenswert, auch für Leser, die sonst vor (von Kritikern) hoch gelobten Werken zurückschrecken.

BEWERTUNG: 8/10

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