Connie Willis – Bellwether

Jeder, der in einem größeren Unternehmen gearbeitet hat, wird seinen Alltag hier wiedererkennen. Das Ausfüllen ellenlanger Formulare für die Bestellung von Büromaterial, peinliche Teammeetings und Mangel an wirklicher Unterstützung hat Connie Willis hier perfekt dargestellt.

Deutscher Titel: nicht auf deutsch erschienen
Erschienen: 1996
Seiten: 256
Erschienen bei: Bantam Books

Meine Bewertung: 7,5/10

Erster Satz: Hula Hoop (March 1958 – June 1959): The prototype for all merchandising fads and one whose phenomenal success has never been repeated. Originally a wooden exercise hoop used in Australian gym classes, the Hula Hoop was redesigned in gaudy plastic by Wham-O and sold for $1.98 to adults and kids alike.

Connie Willis gehört zu den angesehensten Science-Fiction Autorinnen unserer Zeit. Mit Blackout/All Clear hat sie erst kürzlich den Hugo Award gewonnen. Für mich ist Bellwether der erste Willis-Roman und obwohl er mit Science Fiction nur den Science-Teil gemein hat, macht er definitiv Lust auf mehr.

bell·weth·er  (ˈbɛlˌwɛðə)

1. (Life Sciences & Allied Applications / Breeds) a sheep that leads the herd, often bearing a bell
2. a leader, esp one followed blindly

Dr. Sandra Foster studiert Trends, vor allem solche, die nach kürzester Zeit wieder aussterben. In der Firma HiTek geht sie dem Grund der Popularität der Bob-Frisur in den 20er Jahren nach und entdeckt dabei zwar allerlei andere dämliche Trends, aber nicht, was den Wunsch nach einer Kurzhaarfrisur bei Frauen so plötzlich ausgelöst hat.
Als die absolut unübertrefflich inkompetente Assistentin Flip ihr auch noch ein Paket bringt, dass in eine andere Abteilung gehört, trifft sie auf Dr. Bennett O’Reilly, der erstaunlich immun gegen jeden erdentlichen Trend zu sein scheint. Und dank Flips Schusseligkeit braucht er Sandras Hilfe.

Dass sich hinter dieser Handlung eine so lustige Geschichte verstäckt, hätte ich nicht erwartet. Aber man lässt sich ja gerne positiv überraschen.
Connie Willis beschreibt auf köstliche Art und Weise nicht nur die wildesten Trends – Hula-Hoop und Kreuzworträtsel, spitze Schuhe, Blumenkinder und Stimmungsringe – sondern auch den Wahnsinn, in einer größeren Firma zu arbeiten. Ich musste durchgehend nicken bei den sinnlosen Teammeetings, dem Versuch, das Unternehmen in nichtssagende und lächerliche Akronyme zu verpacken und es so schwierig wie möglich zu gestalten, einfach nur seine Arbeit zu tun.

Das 50-seitige Formular zur Beantragung von Sponsionsgeldern oder das immerhin 20-seitige Formular für die Bestellung von Büromaterial hätten schon gereicht. Mir hat aber vor allem gefallen, dass bestimmte Formulierungen – wie “Unternehmensstruktur stärken” – offenbar universell bei allen Managern gut ankommen. Ähnliches kennen bestimmt viele Menschen aus eigener Erfahrung, egal in welcher Branche sie arbeiten.

Connie Willis erzählt von Sandras Versuch, Sinn in die Welt der Trends zu bringen und die Protagonistin sieht sich dabei nicht nur mit verrückten Traumhochzeits-Barbies und viel zu vielen Kaffeesorten konfrontiert, sondern vor allem mit der chaotischen Assistentin Flip. So nervtötend dieses Mädchen auch ist, ich habe unheimlich gerne von ihr gelesen. Im echten Leben hätte sie mich vermutlich in den Wahnsinn getrieben. Was für ein Gör! Aber genau das ist das Schöne an Literatur. Man kann Welten erkunden, die einem sonst verschlossen bleiben, und sich über die Isolierband tragende (als Modeaccesoire!), blauhaarige Chaotin amüsieren, die diesem Buch einen ganz besonderen Charme verleiht.

PRO: Amüsante, kurze Geschichte über Trends, Chaos und die Arbeit in einer größeren Korporation.
CON: Etwas überzeichnete Charaktere, eine sehr versteckte Liebesgeschichte.
FAZIT: Tolles Büchlein für Menschen, die gerne gegen den Strom schwimmen oder auch solche, die jeden Trend mitmachen. Noch besser: Für die Trendsetter, die dem Roman seinen Titel verleihen.

BEWERTUNG: 7,5/10

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